Nofekh — der vierte der zwölf alten Steine
Zehn der zwölf Steine geben Anlass zu Streit über Grade. Gelehrte streiten darüber, welches Grün, welches Rot, welche Varietät.
Dieser gibt Anlass zu einem Streit zwischen den beiden Enden des Spektrums.
Folgt man dem Griechischen, landet man bei einem brennenden Rot. Folgt man dem Ägyptischen, landet man bei einem blassen Blaugrün.
נֹפֶךְ — Nofekh ist der einzige Stein des Brustschilds, bei dem die beiden führenden Lesarten keine Nachbarn sind. Sie sind Gegensätze. Und statt eine zu wählen und weiterzugehen, handelt dieser Essay von der Uneinigkeit selbst, denn die Uneinigkeit ist der interessantere Gegenstand.
1. Zwei Wege aus einem Wort
Die Septuaginta übersetzt Nofekh mit anthrax — eine glühende Kohle, die Glut im Herzen des Feuers. Die Vulgata folgt mit carbunculus, «Köhlchen». Beide weisen auf einen tiefroten Stein, fast sicher auf das, was wir heute Granat nennen.
Das ist der erste Weg, und er ist vielbegangen. Er gab dem Deutschen den Karfunkel, der jahrhundertelang einen roten Edelstein bezeichnete, bevor er irgendetwas Medizinisches meinte.
Der zweite Weg beginnt im Ägyptischen. Das Wort mfkꜣt — üblich vokalisiert als mefkat — benennt das blaugrüne Material, das die Ägypter auf dem Sinai abbauten und über fast alles schätzten: Türkis, und mitunter Malachit. Mehrere Forscher haben vorgeschlagen, das hebräische nofekh sei daraus entlehnt.
Lautlich ist der Fall achtbar. Historisch ist er mehr als achtbar: Ägypten ist der Ort, aus dem die Israeliten beschrieben werden als kommend, und ägyptische Lehnwörter sind über den Wortschatz des Exodus verstreut.
Ezechiel fügt einen dritten Datenpunkt hinzu, ohne irgendetwas zu klären. Er führt Nofekh unter den nach Tyros gehandelten Gütern auf, neben Textilien und Korallen — was uns sagt, dass es eine Ware auf bekannten Routen war, und über seine Farbe nicht das Geringste.
Wir haben also eine griechische Tradition, die Feuer sagt, und eine ägyptische Etymologie, die Himmel sagt, und keine Möglichkeit, sie zu versöhnen. Nach einer Linie der Auslegungstradition wird der Stein Juda zugeordnet; wie stets nimmt der biblische Text keine solche Zuordnung vor, und die Kommentatoren sind sich nicht einig.
2. Zwei Materialien
Die beiden Kandidaten könnten kaum unähnlicher sein, und der Gegensatz ist lehrreich.
Granat ist eher eine Familie als ein einzelnes Mineral — Almandin, Pyrop, Spessartin und andere, die eine Kristallstruktur teilen und sich chemisch unterscheiden. Er ist hart, 7 bis 7,5, und einfachbrechend, was geschliffenen Steinen eine besondere Direktheit gibt: Das Licht geht hinein und kommt zurück, ohne geteilt zu werden.
Er ist außerdem eine der wenigen wirklich häufigen Gemmen. Es gibt Granatsand. Granat wird als Industrieschleifmittel verwendet. Seine Alltäglichkeit in der modernen Welt hat fast ausgelöscht, wie ernst man ihn einst nahm.
Türkis ist in jeder Hinsicht sein Gegenteil. Ein wasserhaltiges Kupfer-Aluminium-Phosphat, ist er weich — 5 bis 6 —, porös und chemisch empfindlich. Hautfette verändern ihn. Kosmetika flecken ihn. Sonnenlicht kann ihn ins Grüne ziehen.
Er ist die einzige große Gemme, die an der Person, die sie trägt, sichtbar altert. Ein in einer Familie weitergegebener Türkis ist nicht mehr der Stein, der er war, und in mehreren der Kulturen, die ihn am höchsten schätzen, gilt diese Verschiebung als Teil der Sache und nicht als Schaden.
3. Das Feuer: der Weg des Granats
Der rote Granat hatte in der Spätantike eine außergewöhnliche Reichweite, und es ist eine der bemerkenswertesten Handelsgeschichten dieser Sammlung.
In ganz Europa entstand zwischen etwa dem 4. und 7. Jahrhundert ein Stil, den wir heute Cloisonné nennen: dünne Goldstege auf eine Grundplatte gelötet, jedes Fach mit einer flachen roten Granatplatte gefüllt, mit gemusterter Folie hinterlegt, damit sie glüht.
Die Arbeit ist außergewöhnlich. Die Herkunft ist es noch mehr.
Wissenschaftliche Analysen der Granate solcher Objekte — darunter die berühmten Stücke aus dem Schiffsgrab von Sutton Hoo in England — weisen auf Quellen in Indien und Sri Lanka.
Das heißt, in einem Moment, in dem Westeuropa gemeinhin als zersplittert und nach innen gewandt beschrieben wird, entstanden seine prestigeträchtigsten Objekte aus Stein, der um die halbe Welt getragen worden war.
Der Schmuck wusste Dinge, die die Geschichtsbücher erst nachholen mussten.
4. Der Himmel: der Weg des Türkis
Türkis durchzieht eine völlig andere Geographie.
Die Ägypter bauten ihn auf dem Sinai bei Serabit el-Chadim ab, in staatlich organisierten Expeditionen — keine gelegentliche Prospektion, sondern ein dauerhafter Betrieb mit festen Bauten, Saison um Saison ausgesandt für einen Stein.
Weiter östlich lieferten die Vorkommen um Nischapur in Persien das Material, das dem Stein seinen persischen Namen gab, fīrūzah, und ihm einen Platz in der islamischen Dekorkunst sicherte, den er nie verloren hat. Türkis gibt einer ganzen Bildtradition den Ton — die Kuppeln und Fliesen Zentralasiens lesen sich als türkis, auch wenn die Glasurchemie etwas anderes ist. Der Stein benannte eine Farbe, und die Farbe benannte eine Architektur.
Das deutsche Wort kam auf noch einem anderen Weg: Türkis heißt schlicht «türkisch», weil der Stein Europa über den türkischen Handel erreichte und nicht aus irgendeiner türkischen Grube. Eine Fehlzuschreibung, die seit achthundert Jahren hält.
5. Zwei Symboliken, ein Wort
Hier hört die Uneinigkeit auf, ein Ärgernis zu sein, und wird zum Thema.
Rot war in den Kulturen, die Granat verwendeten, mit Blut, Leben, Feuer und Inbrunst verbunden. Krieger wurden damit bestattet.
Türkis war in den Kulturen, die ihn verwendeten, mit Himmel, Wasser und Schutz verbunden — und zwar mit Schutz unterwegs. Er war der Stein der Reisenden, an Zaumzeug und Geschirr befestigt, auf Wegen mitgeführt.
So sind dieselben drei Konsonanten im selben Vers als das Heißeste der Palette und als das Kühlste verstanden worden. Inbrunst und Schutz. Das Feuer und der Horizont.
Eine nützliche Erinnerung daran, wie viel Auslegung zwischen uns und einem antiken Text steht — und wie leicht die eine Entscheidung eines Übersetzers drei Jahrhunderte später zu einer Tatsache wird, die alle nachsprechen.
6. Beide Steine im heutigen Schmuck
Beide sind kürzlich zurückgekehrt, aus entgegengesetzten Gründen.
Türkis kam übers Design zurück. Die 1970er nahmen ihn ernst — große Cabochons, Gelbgold, bewusst grafische Fassungen — und dieses Vokabular ist seither wiederholt aufgegriffen worden. Seine Matrix, die dunkle Äderung des Muttergesteins, die im Stein bleibt, wanderte vom Makel zur Signatur, ganz wie die Einschlüsse beim Smaragd.
Granat kam über die Seltenheit zurück. Nicht das gewöhnliche rote Material, sondern der grüne Demantoid aus dem russischen Ural, dessen feine innere Fasern — das Gewerbe nennt sie Pferdeschweife — als Herkunftsmerkmal geschätzt werden, und der orange Spessartin aus Namibia und Nigeria. Demantoid zerlegt Licht stärker als Diamant, eine Tatsache, die außerhalb des Gewerbes fast niemand kennt.
Die Familie, die Industrieschleifmittel liefert, liefert auch einen der begehrtesten Farbsteine der Welt. Wenige Materialien decken diese Spanne ab.
7. Was ihn auszeichnet
Jeder andere Stein dieser Sammlung hat eine Geschichte, die sich auflöst.
Dieser nicht, und er ist gerade deshalb nützlicher.
Nofekh ist der dauerhafte Beweis dafür, dass die zwölf keine gelöste Liste sind — dass irgendwo in der Überlieferung, zwischen einem hebräischen Schreiber und einem griechischen Übersetzer in Alexandria, eine Entscheidung getroffen wurde, die wir nicht mehr sehen können, und alles Nachfolgende hat sie geerbt.
Es gibt beim Schreiben über historische Objekte die Versuchung, das zu glätten: die wahrscheinlichere Lesart zu wählen, sie schlicht hinzustellen und den Leser annehmen zu lassen, die Sache sei erledigt. Das liest sich besser. Es ist auch die Art, wie die Vermutung eines Übersetzers zur Tatsache erstarrt.
Wir zeigen lieber die Naht.
8. Eine Anmerkung von FEDIYAR
Gewissheit ist angenehm zu verkaufen und schlecht zu versprechen.
Was ein ernsthafter Käufer mit der Zeit lernt, ist, dass Provenienz selten eine saubere Linie ist. Sie ist eine Kette aus Dokumenten, Zuschreibungen und Urteilen, jedes von jemandem mit unvollständiger Information gefällt, und die ehrliche Fassung hat immer irgendwo eine Lücke.
Die unehrliche hat keine — und genau das sollte Sie zweimal hinsehen lassen.
Nofekh ist seit zweitausend Jahren ungeklärt, in einem Text, der genauer gelesen wurde als fast jeder andere. Das ist kein Versagen der Gelehrsamkeit. So sieht ein wirklicher Befund aus, wenn ihn niemand aufgeräumt hat.
FEDIYAR
Die vertrauenswürdigsten Geschichten sind die, die eingestehen, wo sie aufhören.
Eine Erzählung ohne Lücke ist meist ausgebessert worden.
Zuvor: Bareqet — ein Wort, das Blitz bedeutet.
Ebenfalls: Lapislazuli — das Blau, das nie ein Saphir war · Leschem — der Stein, den niemand benennen kann.
Zur Methode: In dieser ganzen Sammlung unterscheiden wir drei Dinge — was der antike Text tatsächlich sagt, was spätere Traditionen daraus gemacht haben, und was die moderne Mineralogie vorschlägt. Wo eine Zuordnung umstritten ist, sagen wir es.
